Heute steht Benjamin Widegreen stellvertretend für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Amt Neuhaus Rede und Antwort. Ich sage dem Kandidaten für unseren Rat Danke sehr.
Benjamin Widegreen: Zunächst möchten wir uns herzlich bei den Rosiener Notizen bedanken – für die Initiative, dieses Format überhaupt zu ermöglichen. Denn dass es einer privaten Initiative bedurfte, stimmt uns nachdenklich.
Eine Podiumsdiskussion war vorbereitet. Die Bürgerinnen und Bürger hätten alle antretenden Parteien direkt miteinander vergleichen können – inhaltlich, persönlich, auf Augenhöhe. Dazu kam es nicht. Eine der beteiligten Gruppen verweigerte die Teilnahme und machte damit das gesamte Format unmöglich. Wer sich dem direkten, öffentlichen Vergleich entzieht – und das mitten im Wahlkampf – gibt damit bereits eine Antwort, auch wenn keine gegeben wird. Wir stehen für eine andere Art von Kommunalpolitik: offen, diskussionsbereit und transparent. Wir danken den Rosiener Notizen umso mehr, dass sie diese Lücke eigeninitiativ schließen. Und deshalb beantworten wir diese Fragen gerne.
Gesine von Prittwitz: Danke für die Vorschusslorbeeren. Noch allerdings stehen Beiträge der CDU, SPD und der UNABHÄNGIGEN aus. Kommen wir zu den vier Fragen…
Unsere Gemeinschaft braucht starke Stimmen. Der Rat vertritt die Interessen der Menschen im Amt. Was motiviert Sie persönlich, diese Verantwortung zu übernehmen?

Demokratie passiert einem nicht. Demokratie ist nichts, was man ausschließlich passiv konsumieren kann. Sie muss gemacht werden. Und die Dimensionen demokratischen Engagements sind enorm. Allein in Niedersachsen werden nächsten Sonntag bei der Wahl knapp 30.000 ehrenamtliche Posten vergeben. Unser Land, unsere Gesellschaft, unsere Demokratie ist auf das Engagement von uns allen angewiesen. Nicht alle Menschen sind in einer Lebenssituation, in der sie sich politisch einbringen wollen oder können. Umso mehr ist es unsere Grundmotivation, diese Verantwortung zu übernehmen – wir sind alle in der glücklichen Lage, unsere Energie und Kraft für dieses Ehrenamt einzubringen. Das gilt im Übrigen für alle Formen des Ehrenamtes in unserer Gemeinde gleichermaßen. Nicht zufällig war die Stärkung des Ehrenamtes auch Thema unseres diesjährigen Neujahrsempfangs.
Und gerade in herausfordernden Zeiten – gesellschaftlicher Veränderung in einem Tempo, das einen teilweise schwindelig zurücklässt, einer weltpolitischen Lage, die einem noch vor 15 Jahren niemand geglaubt hätte, und einer innenpolitischen Situation, die unsere Gesellschaft vor eine Zerreißprobe zu stellen scheint – ist es etwas enorm Bereicherndes, sich lokal an der Gestaltung und Entwicklung unseres Zusammenlebens aktiv einbringen zu können. Wir könnten nicht glücklicher sein, dass uns diese Möglichkeit offensteht. Wir sind vom Wesen her keine Meckernden. Wir setzen Energie gerne in aktives Handeln um. Es ist schön hier im Amt. Wir lassen uns nicht einreden, dass hier nichts funktioniert und alles schlecht ist. Wir glauben an das, was hier bereits funktioniert, und wollen darauf aufbauen.
Was meinen Sie, wo drückt den Bürgerinnen und Bürgern besonders der Schuh?
Die Frage pauschalisiert sehr stark. Schuhe – wenn wir dieses Bild einmal aufgreifen dürfen – sind etwas sehr Individuelles, Persönliches. Ein drückender Schmerz umso mehr. Wenn wir die Schuhe untereinander alle tauschen würden, hätten wir an völlig unterschiedlichen Stellen andere und neue Schmerzen. Und dennoch teilen die meisten sicher die Sorge mit Blick auf die Zukunft: Werden wir uns das, was wir uns gestern leisten konnten, morgen noch leisten können? Wohnen, Energie, Hitze, Trockenheit, Kriege – eine Politik, die die Interessen der eigenen Bevölkerung kaum zu kennen scheint. Es ist mitunter überfordernd.
Umso wichtiger ist es uns, die Dinge in den Fokus zu rücken, um die es bei der Gemeinderatswahl eigentlich geht: die Dinge, die wir hier vor Ort entwickeln und beeinflussen können und die in politischen Diskussionen leider oft zu wenig Gehör finden. Ein Gemeinderat, der gemeinsam mit der Verwaltung – statt gegen sie – unsere Gemeinde auf Augenhöhe und konstruktiv gestaltet: Das ist sicher der schönste Schuh für die nächsten Jahre! Ganz gleich, welcher politischen Farbe man sich zugehörig fühlt. Im Übrigen haben wir dazu bereits ein 15-Punkte-Programm entwickelt – unseren Zukunftsplan für Amt Neuhaus.
Welche Schwerpunkte gedenken Sie im Rat in den kommenden fünf Jahren zu setzen?
Wir haben es bereits erwähnt: Die Antwort lässt sich kurz und klar halten. Wir arbeiten konstruktiv. Wir meckern nicht die ganze Zeit und weichen dann, wenn es entscheidend wird, der Diskussion aus – das ist nicht unser Stil. Eine funktionierende Verwaltung ist das Rückgrat unserer Gemeinde. Wer glaubt, durch Stellenabbau zu sparen, verlagert die Last nur auf die Schultern derer, die bleiben – und auf die Einwohnerinnen und Einwohner, die auf gute Arbeit angewiesen sind. Das kennen wir alle aus dem Berufsleben: Die Arbeit bleibt gleich, und die wenigen Verbleibenden müssen sieauffangen. Selten ist es danach besser geworden. Das ist kein politisches Rezept. Wir können nicht ewig Ausgaben reduzieren – das ist ein endliches Spiel. Wir müssen Einnahmen erhöhen, ohne uns als Gemeinschaft zusätzlich zu belasten.
Und da sind wir als Grüne klar: Wir müssen das bewahren und ausbauen, was uns hier lebens- und liebenswert macht. Das Biosphärenreservat ist Teil unserer Identität – und gleichzeitig unser stärkstes Argument gegenüber Besucherinnen und Besuchern, sowie Investoren und neuen Einwohnerinnen und Einwohnern. Diese Karte haben wir noch längst nicht vollständig ausgespielt. Wir brauchen eine zukunftsfreundliche Gemeinde. Wir wollen, dass junge Menschen, die hier aufgewachsen sind, auch hier eine Zukunft finden – und dass neue Einwohnerinnen und Einwohner das schätzen, was wir längst haben. Wir erleben gerade die einmalige Chance, dass das Amt Neuhaus aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität der Bundesregierung tatsächlich Geld bekommen wird. Wenn wir dieses Geld nicht so einsetzen, dass es in Zukunft unsere Ausgaben reduziert und unsere Einnahmen erhöht, dann haben wir als Gemeinde einen Fehler gemacht, den wir kaum noch aufholen können. Hierfür steht der Zukunftsplan der Grünen seit Monaten bereit.
Wir würden gerne einmal die Vorschläge der anderen Parteien sehen: Wie wollen sie die mindestens 3,8 Millionen Euro ausgeben, die wir geschenkt bekommen? Man muss sich das vorstellen: Wir sind seit Jahren finanziell klamm, jetzt kommt jemand und schenkt uns Geld – und andere haben keinen Plan, was damit anzufangen ist. Wir erwarten von allen im Rat eine klare Antwort auf diese Frage – denn diese Chance wird nicht zweimal kommen. Wir kennen das alle: Da ist ein neues Auto, das sparsamer ist als das alte. Man könnte langfristig Geld sparen – kann sich die Anschaffung aber nicht leisten, weil sie schlicht zu teuer ist. Jetzt kommt jemand und sagt: „Hier, ich helfe dir.“ Und was machen wir mit dem Geld? Nur neue Felgen fürs alte Auto kaufen? Bitte nicht.
Lasst uns diese Chance gemeinsam nutzen, nicht zerreden und nicht fünf Jahre streiten. Lasst es uns für Amt Neuhaus schaffen – das ist unser Angebot, dafür stehen wir als Grüne bereit.
Ihre Vision für das Amt im Jahr 2031?
Eine funktionierende Gemeinschaft – weil wir folgende Grundlagen geschaffen haben:
- Finanzielle Entlastung für diejenigen, die sie brauchen
- Eine lebenswerte Gemeinde für Jung und Alt – und für die Natur
- Mehr Miteinander und gegenseitige Solidarität
- Modernisierung der Gemeinde, um zukunftsfähig zu bleiben und Kosten zu senken
Dass es nun zum ersten Mal BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Amt Neuhaus zu wählen gibt, ist ein echter Zugewinn. Die Zusammensetzung des Rates bildet alle Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde ab. Lasst uns gemeinsam etwas Tolles daraus machen!
Benjamin Widegreen, stellvertretend für die Kandidierenden von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Amt Neuhaus
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